Muskelrelaxantien

Pharmakologie von Muskelrelaxantien

Terminologie:

  • ED95 (Effektdosis 95): Potenz eines Muskelrelaxans (je niedriger die ED95 desto potenter die Substanz) -> Dosierung, bei der eine 95 %ige Reduktion der muskulären Antwort zu erwarten ist
  • meist ist die Intubationsdosis die doppelte ED95, bei Mivacurium und Succinylcholin die dreifache ED95
  • Anschlagszeit: Zeit zwischen Injektion und Erreichen einer 95%igen Reduktion der Reizantwort
  • DUR25: klinische Wirkdauer -> Zeit von Injektion bis zur Erholung der Muskelkraft auf 25 % des Ausgangswertes
  • DUR95: Gesamtwirkdauer -> Zeit von Injektion bis zur Erholung der Muskelkraft auf 95 % des Ausgangswertes
  • Erholungsindex: Zeit zwischen 25 % und 75 % Erholung, dosisunabhängig

Pharmakokinetik:

  • grundsätzlich hydrophil, d.h. kaum ZNS- und Plazentagängig
  • Beendigung der Wirkung durch Umverteilung!
  • neuromuskuläre Sicherheitsreserve:
    es müssen 75 % der Rezeptoren von einem Muskelrelaxans besetzt sein, um einen Effekt zu erreichen
    ->bei einer klinisch vollständigen Erholung können noch 75 % der Rezeptoren besetzt sein und es reichen kleinere Dosen, um wieder eine vollständige Blockade zu erreichen!
  • substanzspezifische Faktoren:
    - Anschlagszeit: je potenter die Substanz, desto niedriger die ED95, desto länger die Anschlagszeit
    ->Verkürzung durch Dosissteigerung
    - Eliminationsgeschwindigkeit: je schneller, desto schneller die Anschlagszeit, desto kürzer die Wirkung
  • synergistisch wirksame Substanzen:
    - volatile Anästhetika
    - Antibiotika: Clindamycin, Tetracycline, Vancomycin, Aminoglykoside
    - Magnesium, Lidocain, Ca-Antagonisten
    - Hypothermie -> Wirkverlängerung!

UAW:

  • Bradykardien, Tachykardien (teilweise Affinität zu mACHR, nikotinerge Rezeptoren am postganglionären Sympatikus und Parasympatikus)
  • teilweise Histaminfreisetzung
  • bei neuromuskulären Erkrankungen gesteigerte Empfindlichkeit auf Muskelrelaxantien -> geringere Dosierungen, verlängerte Überwachung, kein Succinylcholin

Substanzen

Benzylisochinolone: Atracurium, Cis-Atracurium, Mivacurium
Aminosteroide: Rocuronium, Vecuronium, Pancuronium

Atracurium:

  • Kinetik:
    - ED95: 0,25 mg/kg, Intubationsdosis 0,5 mg/kg
    - Anschlagszeit 2-3 Minuten
    - DUR 25: 40 Minuten, DUR95 50-70 Minuten, Erholungsindex 12-15 Minuten
    - Abbau: Hoffmann-Elinination (organunspezifische Esterasen), Abbauprodukt wird renal ausgeschieden und wirkt vasodilatierend
  • UAW:
    - Histaminfreisetzung v.a. bei schneller Injektion -> Flush, Erythem, Hypotonie, Tachykardie
  • Dosierung:
    - Intubation: 0,5 mg/kg
    - Erhaltung: 5-10 mg pro Injektion
    - kontinuierlich: 6-10 µg/kg/min

Rocuronium:

  • Kinetik:
    - ED95 0,3 mg/kg, ITN 0,6 mg/kg
    - Anschlagszeit mit ITN-Dosis 1,5 - 2 Minuten
    - DUR25 40 Minuten
    - DUR95 50-70 Minuten
    - Metabolismus: hepatisch, keine aktiven Metabolite
    - große Variabilität der Wirkdauer bei alten Menschen!
  • Dosierung: Idealgewicht!
    - ITN: 0,6 mg/kg
    - RSI: 1,2 mg/kg -> Anschlagszeit 1 min, verlängerte Wirkdauer!
    - bei Dosisreduktion auf 0,4 mg/kg Anschlagszeit 3 Min aber deutlich verkürzte Wirkdauer (DUR25 um 20 Minuten)
  • UAW:
    - keine Histaminfreisetzung
    - Tachykardie, Hypertonie (Vagolyse)

Cisatracurium:

  • im Vergleich zu Atracurium
    - höhere Potenz und längere Anschlagszeit (3-5 Minuten)
    - kaum Histaminfreisetzung und bessere hämodynamische Stabilität

Mivacurium:

  • Kinetik:
    - ED95 0,07 mg/kg
    - Anschlagszeit 2-3 Minuten
    - DUR25 17 Minuten, DUR95 20-30 Minuten
    - Erholungsindex 5-10 Minuten
    - Abbau: Plasmacholinesterase -> primäre Beendigung der Wirkung nicht durch Umverteilung wie bei anderen Relaxantien!
    - Cholinesterasemangel: heterozygot Wirkverlängerung um 15 -30 Minuten, homozygot um mehrere Stunden (1:3000)
    - Dibucainzahl: Dibucain hemmt die normale Plasmacholinesterase nahezu vollständig (Dibucainzahl > 70, bei Abnormitäten heterozygot < 70, homozygot < 30
  • Dosierung:
    - Intubationsdosis 0,2 mg/kg (kann bei sehr kurzen Eingriffen reduziert werden, dann aber längere Anschlagszeit)
    - Nachrelaxierung mit 2-4 mg

Succinylcholin:

  • depolarisierendes Muskelrelaxans
  • Kinetik:
    - ED95 0,3 mg/kg
    - Anschlagszeit 1 Minute
    - DUR95: 9-12 Minuten
    - Metabolismus: Plasmacholinesterase
    - Dualblock: bei repetitiven Boli oder in hohen Dosierungen > 6 mg/kg, Blockade präsynaptischer ACH-Rezeptoren
    -> erhebliche Wirkverlängerung
    -> kann durch Cholinesteraseinhibitoren aufgehoben werden
  • UAW:
    - Hyperkaliämie
    - MH
    - Herzrhythmusstörungen, Bradykardie, Asystolie
    - Anstieg intraokulärer und intragastraler Druck
    - Masseterspasmus
    - Myoglobinurie
    - Rhabdomyolyse (v.a. bei Myopathien, Verbrennungen, Immobilisation, Sepsis)
  • KI:
    - MH-Disposition
    - Muskelerkrankungen
    - Hyperkaliämie (rel. KI je nach Nierenfunktion)
    - Verbrennungspatienten
    - immobilisierte Patienten > 48 h
    - Kinder (vagolytische Wirkung)