anticholinerges Syndrom
Ätiologie
Insbesondere ältere Patienten weisen oftmals bereits ein grundsätzliches cholinerges Defizit auf! Durch die Einnahme anticholinerg wirkender Substanzen steigt - gerade bei Polypharmazie oder zerebraler Vorschädigung - das Risiko für die Entwicklung eines anticholinergen Syndroms!
Medikamente
- Anticholinergika: Bspw. Ipratropiumbromid, Tiotropiumbromid, Aclidiniumbromid, Glycopyrroniumbromid, Umeclidiniumbromid
- Antidepressiva: Antidepressiva: Insb. Trizyklika (bspw. Amitriptylin, Imipramin, Doxepin)
- Spasmolytika (urologisch, gastrointestinal): Bspw. Atropin, Butylscopolamin, Pirenzepin, Oxybutynin, Trospium, Tolterodin, Darifenacin, Fesoterodin, Solifenacin
- Sedativa: Bspw. Diphenhydramin, Doxylamin, Benzodiazepine
- Hypnotika, Anästhetika und Analgetika: Bspw. Propofol, Fentanyl, Inhalationsanästhetika[1]
- Antipsychotika
- Insb. typische Antipsychotika: Bspw. Promethazin, Levomepromazin
- Seltener auch einige atypische Antipsychotika: Bspw. Clozapin, Olanzapin, Quetiapin, Aripiprazol
- Antihistaminika
- H1-Antihistaminika der 1. Generation mit trizyklischer Struktur: Bspw. Dimetinden, Dimenhydrinat, Diphenhydramin
- H2-Antihistaminika: Bspw. Cimetidin, Ranitidin
- Antiparkinsonmittel: Bspw. Biperiden, Benzatropin, Metixen, Trihexyphenidyl
- Mydriatika: Bspw. Atropin, Homatropin, Cyclopentolat, Scopolamin, Tropicamid
- Weitere: Codein, Digitoxin, Digoxin, Dipyridamol, Furosemid, Nifedipin, Prednisolon, Theophyllin
- Drogen: Bspw. Opioide
- Pflanzengifte: Insb. Atropin und Scopolamin in Pflanzen der Familie Solanaceae (bspw. Alraune, Engelstrompete , Bilsenkraut , Stechapfel und Tollkirsche )
Symptome
zentrale Symptome
- Komatöse Form: Psychomotorische Dämpfung, Vigilanzminderung
- Delirante Form
- Agitation, Erregbarkeit
- Desorientierung
- Halluzinationen
- Angst
- Epileptische Anfälle
- Beide Formen
- Schwindel
- Atemdepression
- Amnesie
- Maximalvariante: Anticholinerges Delir
- Anticholinerges Syndrom mit:
- Ausgeprägten Symptomen eines Delirs: Insb. Störungen des Bewusstseins
- Ggf. kardiogenem Schock
- Anticholinerges Syndrom mit:
periphere Symptome
- Mydriasis, Akkommodationslähmung, Verengung des Kammerwinkels
- Mundtrockenheit durch Speichel- und Magensaftsekretion↓
- Paralytischer Ileus durch Verdauungsstörungen/Darmatonie
- Miktionsstörungen/Harnverhalt
- Trockene, heiße, gerötete Haut durch Schweißsekretion↓
- Tachykardie, AV-Überleitungszeit↓
- Vasokonstriktion
- Bronchodilatation, bronchiale Sekretion↓
Diagnostik
- Diagnostische Kriterien: Mind. ein zentrales und zwei periphere Symptome
- Beim anticholinergen Delir zusätzlich: Erfüllung der Diagnosekriterien des Delirs
Diagnosesicherung
- durch Physostigmin-Test
- Prinzip: Probatorische Gabe von Physostigmin → Bei bestehendem anticholinergen Syndrom klinische/apparative Besserung (Test positiv)
Anwendung
- Injektion von 0,03 mg/kgKG Physostigmin (als Kurzinfusion über 10 min, unter Monitorüberwachung)
- Nach 15–20 min: erneute Anamnese (soweit möglich), klinische Untersuchung und EKG-Aufzeichnung
- Bewertung des Tests als positiv bei Vorliegen von mind. einem der folgenden Phänomene
- Zunahme der Reaktivität anhand der Münchner Komaskala um mind. 1 Stufe
- Besserung/Normalisierung der sonstigen neuropsychiatrischen Symptomatik (bspw. Abnahme/Sistieren deliranten Verhaltens, Besserung/Sistieren von Orientierungsstörungen)
- Normalisierung einer Herzrhythmusstörung
- Rückbildung einer zuvor bestehenden Mydriasis
- Bei fehlendem Ansprechen oder bei Symptomrekurrenz nach zunächst positivem Test: Wiederholung der probatorischen Dosierung nach frühestens 15 min (nur bei fehlenden Zeichen einer cholinergen Überstimulation
Differentialdiagnosen
- Intoxikation mit anderen Stoffen
- Malignes neuroleptisches Syndrom
- Zentrales Serotonin-Syndrom
- Intoxikation mit Psychostimulanzien (bspw. Kokain)
- anticholinerges Syndrom: trockene Haut
- Malignes neuroleptisches Syndrom, Zentrales Serotonin-Syndrom und Psychostimulanzien: Schwitzen
Therapie
- supportive Maßnahmen
- Gabe von Physostigmin[2]
Fast alle in der Anästhesie eingesetzten Pharmaka wirken (zumeist indirekt) anticholinerg. Es besteht folglich die Gefahr eines zentralen anticholinergen Syndroms mit u.a. akut-kardiovaskulären Symptomen (Tachykardie, arterielle Hypertonie). Durch verschiedene Maßnahmen (Einsatz kurzwirksamer Anästhetika, sowie Verzicht auf Lachgas, auf prophylaktische Atropin-Applikation und auf zusätzliche Sedierung bei Einsatz einer Lokalanästhesie) kann das entsprechende Risiko gesenkt werden. ↩︎
Therapievorschlag: Physostigmin (Anticholium®) 0,03–0,04 mg/kgKG i.v., die Injektion sollte langsam erfolgen mit max. 1 mg/min (sonst Gefahr von Krampfanfällen!); Wirkeintritt nach ca. 3–15 min; Halbwertszeit nur ca. 20–30 min, daher (nach frühestens 20 min) ggf. weiterer Bolus (1-2 mg) oder kontinuierliche Infusion (1-4 mg/h) bis zu klinischen Besserung nötig; bei Kindern maximale Gesamtdosis 2 mg↩︎
